Die neue „9001er“, also die ISO 9001:2015, ist jetzt schon mehr als ein Jahr alt. Der Stichtag für die Pflicht, ein nach dieser Norm zertifiziertes Managementsystem umzustellen, rückt immer näher (September 2018). Wissen Sie schon, was da auf Sie zukommt? Hoffentlich schon, aber ich werde Ihnen die in meinen Augen wichtigsten Punkte trotzdem noch mal kurz darstellen.

Wer ist jetzt verantwortlich?

So wie bisher auch — die „oberste Leitung“ des Unternehmens. Die hat sich jedoch manchmal das Leben leicht gemacht und alles auf den „Beauftragten der obersten Leitung“ (QMB) abgewälzt. Teils geschieht das, weil die Geschäftsleitung nicht wirklich verstanden hat, worum es eigentlich geht. Manchmal aber vielleicht auch aus dem Bestreben, die Haftung verlagern zu wollen und einen Sündenbock zu haben. Jetzt die gute Nachricht: Die revidierte Norm verlangt die Rolle des Beauftragten nicht mehr. Also können Sie Schorsch oder Gerda wieder zurück zur „richtigen“ Arbeit schicken oder „freisetzen“.

Achtung: Die neue 9001:2015 fordert aber auch an wesentlich mehr Stellen die Verantwortung der obersten Leitung ein. Sprich, der Auditor hat die Geschäftsleitung an mehr Stellen im Auditzeitplan aufgeführt als nur im Einführungs- und Abschlussgespräch. Sie können ihm doch Rede und Antwort zu den betreffenden Themen geben, oder? Und all die Aufgaben des ehemaligen QMB übernehmen? „Schooorsch, Geeerda!“ — wie, schon weg?

Wie sieht der Kontext der Organisation aus?

Eigentlich sollte man meinen, dass es überflüssig ist, dieses Thema in einer Norm anzusprechen. Selbstverständlich kümmert sich jeder Unternehmer darum, in welchem Umfeld er agiert. Selbstverständlich berücksichtigt er, welchen externen Einflüssen wie beispielsweise Mitbewerbern oder Rechtsordnungen seine Produkte und Dienstleistungen ausgesetzt sind. Selbstverständlich hat das Unternehmen einen Überblick darüber, welche interessierten Parteien speziell bei ihm „mitmischen“ und welche Anforderungen die haben. Selbstverständlich ist es ihm auch nicht egal, welche Kultur in seinem Unternehmen herrscht und was die Mitarbeiter bewegt. Prima, denn dann müssen Sie ja nichts mehr tun, der Auditor kann selbstverständlich getrost kommen.

Was sind meine Chancen und Risiken?

Jeder Mensch macht Risikomanagement. Irgendwie. Zumindest aus dem Bauch heraus. Nur — Gefühle können täuschen und Sie auf die falsche Fährte locken. Oder Sie dazu bringen,  zu viel richtigen Aufwand an den falschen Stellen zu treiben, so wie beispielsweise bei der Maginot-Linie. Auch hier beweist sich systematisches Vorgehen als effektiver und effizienter.

Wer seine Risiken nicht kennt, kann nicht untersuchen, welche Auswirkungen sie haben und wie wahrscheinlich es ist, dass das Risiko eintritt oder rechtzeitig entdeckt wird. Wer nicht weiß, wie schwerwiegend oder wahrscheinlich ein Risiko ist, kann nicht entscheiden, welchem Risiko er welche Aufmerksamkeit schenken muss. Wer letzteres nicht weiß und keine Lizenz zum Gelddrucken hat, kann somit nur schwer angemessene Maßnahmen vornehmen. Und reine „Bauchtänzer“ schauen wahrscheinlich auch nur selten nach, ob das, was sie getan haben, was gebracht hat oder überhaupt noch Sinn macht. Bei der Maginot-Linie kamen die „Unternehmer“ gar nicht mehr rechtzeitig zum Schauen, sie waren schon überrollt bzw. umgangen.

Das Bauchgefühl will ich an dieser Stelle trotzdem noch mal aufgreifen: Intuition ist nicht verkehrt, was jeder Pilot an einer guten Flugschule (hoffentlich) lernt. Und ein guter Pilot hört darauf, immer eingebettet in systematische Arbeitsweisen und ausreichendes Wissen. Wenn Sie also trotz ordentlichen Risikomanagements diesbezüglich Bauchgrummeln haben, dann treten Sie einen Schritt zurück und sehen sich Ihre Risikoszenarien noch mal an — bestimmt haben Sie was übersehen.

Wo Sie überall nach Risiken suchen müssen, fragen Sie? Ein guter Anfangspunkt sind die Themen, die Sie aus dem Kontext der Organisation ermittelt haben. Dann natürlich Ihre Prozesse und Verfahren, halt alles, was zum QM-System gehört. Also nicht die Risiken „Empfangsperson kippt vom Bürostuhl“ oder „Die Combo erscheint nicht zu unserem Sommerfest“.

Was muss ich alles wissen?

Alles — den Eindruck habe ich manchmal, wenn ich Stellenangebote lese. Drum werden Sie Qualitäter, denn da zieht die 9001:2015 den Unternehmern Grenzen. Übrigens zu deren Vorteil, denn die müssen auch nicht alles wissen. Nur das, was sie brauchen, um ihre Prozesse ordentlich durchzuführen und sicherzustellen, dass die Produkte und Dienstleistung konform sind. Konform mit den Anforderungen der Kunden, Justiz, usw., also quasi der „interessierten Parteien“. Erinnern Sie sich noch? Das kam schon oben bei „Kontext“ vor, sie können die dortigen Informationen also erneut recyceln.

Und das Beste: Sie müssen noch nicht einmal dokumentieren. Solange Bernadette, Melitta, Park, Mustafa, Kofi, Rick, Anna, und wie Ihre Mitarbeiter sonst noch heißen, gesund und in der Firma bleiben, bis das in deren Köpfen gespeicherte Wissen nicht mehr benötigt wird, ist alles gut. Zumindest wenn Sie sicherstellen können, dass die vorgenannten Personen ihr Wissen nicht für sich behalten. Und Sie dafür sorgen, dass deren Wissen aktuell bleibt. Und Sie mitkriegen, wenn sich der oben genannte Wissensbedarf ändert. Und … vielleicht doch besser mal dokumentieren?

Wann soll ich auf die ISO 9001:2015 umstellen?

Die „lange Bank“ ist das beliebteste Möbelstück vieler Menschen im Allgemeinen und nach meiner Beobachtung vieler deutscher Unternehmer im Besonderen. Bis zum September 2018 ist ja noch soo viel Zeit, meinen Sie? Stimmt, wenn man nur die Umstellung isoliert betrachtet. Aber irgendwann muss ja auch die Zertifizierungsgesellschaft zum Audit kommen. Und so wie der Strom nicht einfach nur aus der Steckdose kommt, so kann auch die DNV GL, die DQS, der TÜV und wie sie alle heißen nicht Auditoren auf Knopfdruck produzieren. Wenn alle bis zum September 2018 warten, wollen alle im Juli/August 2018 das Audit haben — gegen den Stau, ironischerweise auch zur Hauptreisezeit, sind die zur Urlaubszeit verstopften Autobahnen ja regelrechte Rennstrecken.

Ich empfehle, nicht „Samstags fahren, wenn alle fahren“ (Mike Krüger, Stau mal wieder, 1976, auch auf Spotify), sondern schon Freitag oder früher. Dann bleiben Sie auch proaktiv, anstatt reaktiv dem Zertifizierungsmarkt ausgesetzt zu sein. Ach ja: Das Risiko, keinen Zertifizierer für das Update rechtzeitig zu finden, können Sie ja schon mal in Ihr Risikomanagement aufnehmen.

 

Wenn Sie Hilfe bei Ihrem ISO 9001 update brauchen, dann sprechen Sie möglichst bald mit uns. Antworten auf Umsetzungsfragen haben wir genügend — zum Stau sind auch wir sprachlos.

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