Risikomanagement für Autonomous Driving – Teil 2

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Risikomanagement für Autonomous Driving – Teil 2

Im zweiten Teil unseres Exkurses zum Thema Risikomanagement im Zeitalter von Staupilot und Robotertaxi (Autonomous Driving) widmen wir uns den Produktrisiken den Risiken bei Zulassung und möglichen Lösungsansätzen.

Produktrisiken

Produktrisiken

(c) Alexandra / München, CC0 v1.0, Pixabay

Stellen Sie sich ein ungezogenes Kind vor. Eines, das andere Kinder anpöbelt, keinen Respekt hat und womöglich auch noch ständig Dinge beschädigt. Wer wird dafür schräg angeschaut? Die Eltern natürlich, denn diese haben doch bei der Erziehung versagt. Wenn jetzt dieses ungezogene Kind ein autonomes Auto ist, das oft genug die Vorfahrt nimmt oder den Fahrstil eines Rennfahrers an den Tag legt? Dem armen im Auto sitzenden Menschen wird es peinlich sein, auch wenn er dafür nichts kann. Gleich danach werden Kunden die Nase über den Hersteller rümpfen. Schnell hat das Produkt auf dem Markt verloren, denn nichts ist so nachhaltig wie ein Imageschaden.

Gegen dieses Risiko gibt es noch kein Rezept. Eine klare Beschreibung und Kommunikation der Fähigkeiten und Grenzen der automatischen Funktion mag hier helfen. Abstimmung der Anwendungsfälle wie „Staupilot“ und der dafür notwendigen Fähigkeiten des Automaten machen die genannte Problematik beherrschbarer. Realistische Kommunikation über das Produkt ist auch deswegen so wichtig, weil die Kunden noch keine Erfahrung mit automatischen Auto haben. Überzogene Erwartungen und falscher Glaube sind ein Risikopotential.

Risiken für Zulassung

Risiken für Zulassung

(c) TeroVesalainen, CC0 v1.0, Pixabay

Will man nachweisen, dass ein Produkt alle Anforderungen erfüllt, so muss man es testen. Jedem wird einleuchten: je mehr Tests man macht, desto eher wird man Mängel entdecken. Leider soll sich das Auto im automatischen Modus selbstständig durch den Verkehr bewegen. Es muss also mit verschiedenen Typen von Autos, Lastwagen, verschiedener Spurenzahl u.v.a.m. umgehen können. Und nicht zu vergessen das Wetter. Selbst im eingeschränkten Anwendungsfall des Staupiloten ergeben sich eine Unzahl von möglichen Szenarien. Man bezeichnet das mit „Open World“ Problem.

Damit erhebt sich für die Zulassung das Problem, was denn ein Hersteller tun muss um nachzuweisen, dass sein automatisches Auto frei von Mängeln ist. Welche Kriterien, Tests und Nachweise sind nötig, damit eine Behörde und der Gesetzgeber trotz „Open World“ die Zulassungsfähigkeit vermuten kann?

Hier kann nur empfohlen werden, am Meinungsbild der Branche teilzuhaben und den Kontakt zu Zulassungsbehörden zu suchen. Als Zulieferer ist auch der intensive Kontakt mit dem Kunden (dem Autohersteller) notwendig.

Profundes Risikomanagement als Hilfe

Nun kommt die gute Nachricht: die hier geschilderten Risiken sind für alle Mitbewerber ein Problem. Weil es eben noch keinen neuen Stand der Technik gibt, weil noch nicht alle Zulassungsvorschriften ausgefeilt sind, gibt es keinen goldenen Weg, ausser dem, sich mit den Risiken zu beschäftigen und transparent vorzugehen.

Was könnte also helfen?

(c) Steve Buissinne, CC0 v1.0, Pixabay

– Gründliche Anforderungsarbeit. Neben technischen Anforderungen ist es hilfreich eine Vorstellung zu haben, was Behörden und Kunden erwarten. Das muss nicht bedeuten, dass Anforderungen kommentarlos zu übernehmen sind: in einem neuen Feld mag es viele Missverständnisse oder durch den Hype-Faktor überzogene Erwartungen geben. Diese kann man durchaus hinterfragen. Aber das wenigste ist, sich bei der Anforderungserhebung Mühe zu geben.

– Kommunikation: in einer neuen Domäne ist Kommunikation lebenswichtig. Viele Begriffe und Vorstellungen sind ob der Neuheit der Thematik ungenau oder mehrdeutig. Schon hinter den Begriffen „Autonom“ und „Automatisch“ können unterschiedliche Vorstellungen liegen. Erwartungen müssen besprochen werden. Nur dann hat die Technik eine Chance, dass zu liefern, was der Kunde eigentlich im Bilde hat.

– Dokumentieren von Annahmen und Schlussfolgerungen. Viele Aspekte dieser neuen Technologie brechen mit bisherigen Setzungen. Das simpelste Beispiel ist das Fehlen des Fahrers. Gerade für unerprobte Technik wird man auch erst einmal einschränkende Annahmen treffen. Stimmen Sie sich mit allen Beteiligten über Annahmen ab, und dokumentieren sie diese. Dies gilt auch für die Testmethodik. Da es keinen goldenen Weg gibt, ein Open World Produkt vollständig nachzuweisen, bedeutet Sicherheitsnachweis auch Meinungsbildung.

– Beschränkung: ungeachtet der Werbebotschaften muss die Technik sich noch entwickeln. Nutzen kann für den Kunden auch für beschränkte Funktionen entstehen, wenn diese sinnvoll gewählt sind. Ist man sich der Risiken bewusst, so kann man auch die Beschränkungen sinnvoll wählen: Risiken minimieren ohne den Nutzen all zu sehr zusammenzustreichen.

Fazit:

Eine neue, spannende Technik wartet auf uns. Die damit verbundenen Risiken sind sicherlich nicht klein. Aber heutige Produkte sind auch schon komplex und erfordern Sorgfalt und ausgefeilte Methoden. Damit hat man eine Basis, die man weiterentwickeln kann, um den neuen Herausforderungen zu begegnen. Risikomanagement ist sicherlich ein hilfreiches und beherrschbares Mittel dazu. Freuen wir uns auf die Zukunft!
Bildnachweis: Peacock, (c) sia7, CC0 v1.0, pixabay

By | 2017-08-01T21:15:11+00:00 August 31st, 2017|Categories: Autonomes-Fahren, Risikomanagement|0 Comments

About the Author:

Hans Beck hat viele Jahre als Qualitätsmanager und Safety Engineer in verschiedenen Branchen der Mobilität (Aviation, Railway, Automotive) gearbeitet. Seit mehreren Jahren befasst er sich intensiv mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung, komplexer Systeme und dem autonomen Fahren aus Sicht der Funktionalen Sicherheit. Als Autor versucht er, Einsicht und Sensibilität gegenüber solchen Chancen und Risiken zu vermitteln.